Über das Wesen von Kendo

Von Yasumasa Kaneda, Ehem. Erster Kendo-Bundestrainer im DJB

Kendo, eine nicht geschlechts- oder altersgebundene Kampfsportart, ist heute nicht nur in in ihrem Ursprungsland Japan, sondern auch in anderen Ländern weit verbreitet. Auch in der Bundesrepublik setzt sich der Kendo-Sport allmählich durch; fähige Kämpfer konnten sich durch ihre Leistungen bei deutschen Meisterschaften sowie Europa- und Weltmeisterschaften behaupten.

So erfreulich diese Verbreitung auch ist, sollte man ihr nicht nur mit Wohlwollen begegnen, denn nicht selten artet Kendo in eine nur spielerische Betätigung aus, die des wahren Kendo-Charakters entbehrt; der Wettkampf, d.h. ein oberflächliches Ringen nach dem Sieg, wird hier zur Hauptsache.

Man darf jedoch nicht vergessen, daß Kendo ein „Produkt“ der japanischen Gesellschaftsstruktur ist. Kendo wurde in ihr entwickelt, mündliche Überlieferung, Anpassung und Wandlung sind die Koordinaten seiner Entwicklungsgeschichte und haben seinen Inhalt geprägt. Dieser Inhalt ist der Kern des Kendo. Kendo ist weder vom sportlichen Spaß noch allein durch die Kriegsführung geprägt worden. Kendo ist das Ergebnis einer langen und vielseitigen Entwicklungstradition. So sehr es auch sportlichen bzw. modernen Charakter angenommen hat, ist es wichtig, Kendo in seiner entwicklungsspezifischen Eigenart zu verstehen und dieses Verständnis so dann in den Kampf einzubringen.

In einigen Kreisen ist der fast schon an Fanatismus grenzende Glaube vertreten, der Kern des Kendo sei nur in der unerbittlichen Auseinandersetzung auf Leben und Tod zu suchen; aber eben diese könnte jedoch nur mit dem ´Nihonto´ (Schwert) ausgetragen werden. Wie man sieht, verkennen die Vertreter dieser Meinung die Rolle, die Kendo in unserer modernen Gesellschaft spielt und entwickeln folglich ein irriges
Kendo-Verständnis. Andererseits machte die Japanische Kendo-Föderationin ihrer Erklärung zur Wiederbelebung des Kendo nach dem 2. Weltkrieg deutlich, daß Kendo künftig nur als Sport betrieben werden sollte. Auch die heutigen Kendotreibenden anerkennen Kendo als ganzheitlichen Sport bzw. als umfassendes Mittel zur menschlichen Bildung.

Die Ideologie einer Konfliktlösung auf friedlichem Wege läßt eine unerbittliche Auseinandersetzung und womöglich die Entwicklung einer Lebensphilosophie in diesem Zusammenhang nicht zu. Um diese Einseitigkeiten zu vermeiden, muß mit strenger Objektivität und konsequenter Vorurteilslosigkeit immer wieder von neuem das Wesen des Kendo ergründet und begriffen werden. Es ist somit wichtig, der sportlichen Seite des Kendo gerecht zu werden, aber auch seinen traditionellen Wert wiederzubeleben, denn die modernen Kendo-Techniken, die mit dem ´Shinai´ (Bambusstock) ausgeführt werden, weisen in ihrer Angriffsweise Parallelen mit dem Schwert auf, z.B. in ihrer ausholenden Bewegung, dem Treffen mit einer festgelegten Seite oder dem ´Tenouchi´.

Auch die dem japanischen Rittergeist so vertrauten psychologischen Moment wie Direktheit, Willenseinheit, spontane Entscheidungs- und Vollzugsfähigkeit sind Inhalte, die für unser heutiges Leben von gleichbedeutender Aktualität sind und uns vom modernen Kendo vermittelt werden.

Ich würde es sehr begrüßen, wenn Sie mit dem Bewußtsein trainieren, daß Kendo lernen auch und vor allem sich selbst kennenlernen bedeutet. Dabei sollte auch beachtet werden….die Auswirkungen des Kendo auf das Individuum sind in ihrer Tragweite anfangs kaum erkennbar; durch das Üben jedoch wird eine Entwicklung in Gang gesetzt, im Verlauf derer jeder, der Kendo nicht nur als Weg betrachtet, sondern ihn auch beschreitet, Dinge kennenlernt, die ihm normalerweise verborgen blieben (- was sich natürlich auch auf andere Do´s bezieht). Die Auswirkungen lassen sich dann später nicht mehr vom täglichen Leben abtrennen, weil sie als Bestandteil des Individuums und der Persönlichkeit sämtliche Handlungen beeinflussen.

„Zu fragen mag eine momentane Schande sein, aber nicht zu fragen und unwissend zu bleiben, ist eine Schande für das ganze Leben.“

Aus: K. Ando/K. Oshima, Kendo: Lehrbuch des japanischen Schwertkampfes,
Berlin 1993.